coldwater

sommer kann ja jeder.

auch ende november 2010 warteten wir in der bretagne zusammen mit freunden auf den lange ersehnten winterswell. was dann passierte, hatten wir in den jahren zuvor noch nicht erlebt: nachts bildete sich eine eisschicht auf unseren brettern, tagsüber konnten wir die wellen eines enormen sturmtiefs beobachten. nur noch an sehr geschützten stränden war surfen möglich. erst nach langem warten konnten wir endlich wieder die wahren qualitäten dieser gegend geniessen, dafür um so besser. lest hier, was wir dem surfmag tide über diese tour berichteten.

Die Wellen der Bretagne sind anders

Wer an Frankreich denkt, der hat für gewöhnlich Biarritz vor Augen. Verständlich. Auch wir wissen um die Vorzüge Südfrankreichs: Das Wasser ist wärmer, das Wetter fast immer besser. Im Vergleich zum Norden ist Biarritz das französische Indo – steile, punktgenaue Reef-Breaks, lange, rechtsbrechende Beach-Breaks, sauberes Wasser, gleichgesinnte Menschen, Surfkultur. Wer vor seinem Besuch im Süden einige Wochen in Nordfrankreich Halt macht, dem kommt es in Biarritz vor, als wüssten die Wellen dort, worum es geht. Warum sie brechen. Was wir von ihnen wollen. Die nördliche Variante zu Biarritz sieht anders aus. Sie formt Hügel und Berge von Wasser, die sich als langsame Schattenlinien den großen Sandbuchten nähern und in einem lückenlosen, brodelnden Weißwasserteppich das immergrüne Land erreichen. Wer es hier ernst meinen möchte, braucht Ausdauer und den nötigen Willen. Vor dem Surfen steht das Paddeln, das Tauchen, anfänglich auch das Fluchen. Mit trainierten Armen sind die Wasserhügel bald bezwingbar. Mit einem ausreichend langen Brett starten wir weiß draußen und fahren lange genug auf einer dieser Hügellinien auf und ab, um befriedigt auszusteigen, bevor sich der zum Steilhang aufgetürmte Wasserberg laut krachend mit dem von Algen überzogenen Sandboden vermischt und sich in einer letzten Anstrengung zum schwer durchdringbaren Weißwasser gesellt.

Willkommen zu Hause

Nordfrankreich, Ende November 2010. Seit 16 Jahren kommen wir hierher. Jeden Herbst und jeden Frühling. Mittlerweile ist es wie nach Hause kommen: Die Bäckerin kennt uns. Der Wirt kennt uns. Der vertraute Geruch von Algen und Salzwasser liegt in der feuchten Landluft. Jede Straße, jeder Strand sagt: ” Hallo, da bist du wieder”. Neue Eindrücke sind selten. Kein neuer Laden, keine neue Bar, nur Erholung vom ewig Neuen und schnell Sich-Wandelnden bei uns, in der Berliner Großstadt, in der wir starteten. Zwei volle Tage später sind wir endlich wieder “zu Hause”. Vor uns liegt das algige Wasser von “Gulli”, unserer Lieblingsbucht. Mit gestresstem Blick und müden Knochen tauchen wir unsere Körper, nach 17 Stunden Autofahrt, in das 9 Grad kalte Wasser, nur um sie kurz darauf mit einem gekonnten Take-Off für einige Sekunden wieder hinauszuheben. Dann ist man angekommen, auf dem Brett stehend, das Monate lang trocken im Keller lag. Schnellere, bessere und zuverlässigere Erholung ist unmöglich. Surfen ist Kur-Urlaub mit echten Erfolgsaussichten und definitiv alternativlos. Wir wissen das. Winter in La Torche. Vor allem die Stürme sind imposant: Tagelang sprudelt das Salzwasser gegen die zerfurchten Klippen und Felsen. Die Brandung schlägt das Meerwasser zu Softeis. Weiße Sahnegebilde bleiben zurück. Die Bretagne ist bekannt für ihre Wetterlaunen und ihre wilde und ungezähmte Umgebung. Die Namen einiger Buchten wie Baie des Trepasses (Bucht der Toten) oder Baie de Fromveur (Bucht der großen Furcht) legen Zeugnis davon ab. Weltklasse Wellen? Fehlanzeige. Dafür bietet die Bretagne, rund um ihren berühmtesten Spot La Torche, Platz und Raum für Entdeckungen. Mit etwas Geduld, Zeit und Ortskenntnis wird aus der Traumvorstellung jungfräulicher Strände Realität. Dennoch: Erreichbare Reefbreaks sind selten, oft sogar tabu – unmissverständlich von den wenigen Locals als “verboten” deklariert. Einsame Buchten, ohne direkten Straßenzugang, gibt es indes viele und meistens werden unsere langen Wanderungen belohnt.

Kalte Wellen und Heimatgefühle

Seit über 15 Jahren trifft sich eine Gruppe von Freunden, des kleinen Langbrett Labels, in Berlin zum alljährlichen Herbst-Surf in der französischen Bretagne. In einer kleinen Bruchsteinhütte, gleich neben einer der schönsten Linken Frankreichs, wird gesurft und gekocht, was das Meer hergibt. Das Wetter ist schlecht, das Wasser eiskalt und die Wellen deshalb leer. Der ideale Ort für Vollblutsurfer.

Winter in La Torche

La Torche spielt mit uns. Aus der Ferne lockt die bekannteste Welle Nordfrankreichs mit sauberen, langen Schrägen aus kaltem Atlantikwasser. Sekunden später türmen sich donnernd haushohe Schaumberge vor uns auf. Wind und Sturm bringen das altbekannte Softeis-Chaos an die Küsten. Es wird Tage dauern, bis wir hier wieder ins Wasser können. Dann ist der Sturm vorbei, die See hat sich beruhigt und geordnet. Eine Art vorgezogener Frühjahrsputz. Ganz vorne, dort wo im Sommer die Kinder spielen, hat das Meer den Sand gleichmäßig zum weiten Strand hin ansteigen lassen. Ausreichend große und nicht zu steile Wellenhügel laden zu langen Fahrten ein. Es ist einer dieser Tage, die im Gedächtnis bleiben. Umso mehr, je seltener sie sind. Schon Dezember. Die Nächte werden spürbar kälter. Sind das frische Tautropfen auf unseren Boards? Eine Wunschvorstellung. Tatsächlich liegt dünnes Eis auf unseren Longboards, die über Nacht im Innenhof unserer Bruchsteinhütten lagen. Über unserer Bucht steht Nebel, als sich die Sonne zeigt. Es sieht aus wie Sommer. Ist es aber nicht. Im Gegenteil: Von nun an reißt der Himmel nur noch alle paar Tage auf. Die Abendsonne steht zusehends tiefer, während sie uns beim winterlichen Spiel mit den Wellen zuschaut. Als sei es nie anders gewesen, taucht sie die ganze Bucht in klares, weißes Licht und verwandelt unsere Bucht in einen wie Gold schimmernden Dorfteich. Schnell wird es dunkel, während wir die sanften, glatten Hügel entlang- und herunterrutschen. Dieses Erlebnis soll in unseren Köpfen bleiben und die Bilder der kommenden, grauen Regen- und Wintertage, die uns zuhause erwarten, ersetzen.

Wir sehen uns im Frühling.